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TIBET INITIATIVE DEUTSCHLAND
Der Dalai Lama zur Lage Tibets
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Ausbleiben jeglicher positiver Reaktion der Chinesen
Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg am 24. Oktober 2001
(Nichtautorisierte Übersetzung aus dem Engl. von Dr. Annette Rehrl; bearbeitet von Tibet-Forum)
Dalai Lama bei PressekonferenzSehr geehrte Frau Vorsitzende, ehrenwerte Abgeordnete des Parlaments, sehr geehrte Damen und Herren,

es ist eine große Ehre für mich, eine Rede vor dem Europäischen Parlament halten zu dürfen. Die Europäische Union ist ein inspirierendes Beispiel für die friedliche Koexistenz verschiedener, sich gegenseitig unterstützender Länder und Völker, und sie berührt Menschen wie mich, die fest an die Notwendigkeit für besseres Verständnis, engere Zusammenarbeit und größeren Respekt der verschiedenen Länder dieser Welt untereinander glauben, sehr tief. Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Einladung. Ich betrachte sie als eine ermutigende Geste aufrichtiger Sympathie und Besorgnis um das tragische Schicksal des tibetischen Volkes.

Ich spreche heute zu Ihnen als einfacher buddhistischer Mönch, der in unserer altüberlieferten Tradition geschult und ausgebildet wurde. Ich bin kein Experte der Politischen Wissenschaften. Dennoch haben mich mein lebenslanges Studium und meine Praxis des Buddhismus sowie meine Verantwortung und mein Engagement für den gewaltlosen Freiheitskampf des tibetischen Volkes, einiges an Erfahrungen gelehrt und mir Ideen vermittelt, die ich Ihnen gerne mitteilen möchte.

Es ist offensichtlich, dass die menschliche Gemeinschaft in ihrer Geschichte einen kritischen Punkt erreicht hat. In unserer heutigen Welt ist es notwendig, die Einigkeit der Menschheit zu akzeptieren. In der Vergangenheit konnten es sich Gemeinschaften noch erlauben, sich als grundlegend getrennt von anderen Gemeinschaften anzusehen. Heute jedoch sind ­ und die tragischen Vorfälle in den USA zeigen uns dies deutlich ­, was auch immer in einer Region dieser Welt passiert, viele andere Regionen davon ebenfalls betroffen. Die Welt wird zunehmend voneinander abhängig. Im Rahmen dieser neuen Interdependenz, liegt es zweifellos im Interesse jedes Einzelnen, auch die Interessen des anderen zubedenken. Ohne die Pflege und Förderung eines Gefühls von universeller Verantwortung ist unsere unmittelbare Zukunft in Gefahr.

Ich glaube fest daran, dass wir ganz bewusst ein größeres Bewusstsein für universelle Verantwortung entwickeln müssen. Wir müssen lernen, nicht nur für uns selbst, für unsere eigene Familie oder Nation zu handeln sondern für das Wohl der gesamten Menschheit. Universelle Verantwortung ist die beste Grundlage sowohl für unser persönliches Glück als auch für den Frieden auf der Welt, für die gleichberechtigte Nutzung unserer natürlichen Ressourcen und, im Hinblick auf zukünftige Generationen, auch für einen angemessenen Umgang mit der Umwelt.

Viele Probleme und Konflikte in der Welt entstehen, weil wir den Blick für die grundlegende Menschlichkeit verloren haben, die uns letztlich alle zu einer einzigen menschlichen Familie vereint. Wir neigen dazu zu vergessen, dass sich die Menschen bei aller Verschiedenheit der Rassen, Religionen, Kulturen, Sprachen, Ideologien und so fort in ihrem grundlegenden Bedürfnis nach Frieden und Glück gleichen: Wir alle wollen glücklich sein, und niemand will leiden. Wir streben, so gut wir können, danach, uns diese Wünsche zu erfüllen. Doch so sehr wir diese Vielfalt theoretisch auch loben mögen, so versagen wir in der Praxis leider sehr oft dabei, sie auch zu respektieren. So stellt unser Unvermögen, die Verschiedenartigkeiten anzunehmen, eine beständige Quelle für Konflikte zwischen den Völkern dar.

Dalai Lama im GesprächEine besonders bedauerliche Tatsache in der menschlichen Geschichte ist die, dass Konflikte sehr oft im Namen der Religion entstanden sind. Selbst heute noch werden durch Missbrauch der Religion und Aufruf zu Hass und religiöser Intoleranz Menschen umgebracht, ihre Gemeinden zerstört und ganze Gesellschaften destabilisiert. Meine eigene Erfahrung hat mich gelehrt, dass Störungen in der interreligiösen Eintracht am besten überwunden werden können und Verständnis füreinander am ehesten erweckt werden kann, wenn man in einen Dialog mit Angehörigen anderer Glaubensrichtungen tritt. Da sehe ich auch schon vielfältige Ansätze. Mich selbst zum Beispiel, haben meine Begegnungen Ende der 60er Jahre mit dem verstorbenen Thomas Merton, einem Trappistenmönch, tief beeindruckt. Sie haben mir geholfen, große Achtung für die Lehren des Christentums zu entwickeln. Ich glaube auch, dass Begegnungen zwischen unterschiedlichen Religionsführern und ein Zusammenkommen zum Gebet auf einer gemeinsamen Plattform sehr wirksam sein können, so wie es etwa 1986 bei der Zusammenkunft in Assisi, Italien, der Fall war. Der letztes Jahr von den Vereinten Nationen veranstaltete Millenniums-Weltfriedensgipfel der religiösen und geistlichen Führer war auch ein lobenswerter Schritt in diese Richtung. Dennoch besteht Bedarf an weiteren derartigen Initiativen auf regelmäßiger Basis.

Ich selbst habe, um meinen Respekt vor anderen religiösen Traditionen kundzutun, eine Pilgerreise nach Jerusalem gemacht, einem Ort, den drei der großen Weltreligionen als heilig verehren. Ich habe verschiedene heilige Stätten der Hindus, der Moslems, der Christen, sowie solche der Jains und der Sikhs besucht,, sowohl in Indien als auch anderswo. In den letzten drei Jahrzehnten habe ich mich mit vielen Religionsführern verschiedener Traditionen getroffen und mit ihnen über Eintracht und interreligiöses Verständnis gesprochen. Wenn solch ein Austausch stattfindet, wird es den Gläubigen der jeweils eigenen Tradition klar, dass die Lehren anderer Glaubensrichtungen für deren Gläubigen ebenso Quelle spiritueller Inspiration und ethischer Leitlinien sind. Es wird bei einem solchen Austausch ebenfalls klar, dass, bei aller unterschiedlichen Lehrmeinung und aller sonstigen Differenzen, alle großen Weltreligionen dem Individuum dabei helfen können, zu einem guten Menschen zu werden. Sie alle betonen Werte wie Liebe, Mitgefühl, Geduld, Toleranz, Verzeihen, Demut, Selbstdisziplin und so weiter. Deswegen müssen wir auch auf religiösem Gebiet das Konzept der Vielfalt verinnerlichen.

Angesichts unserer neu entstehenden globalen Gemeinschaft sind alle Formen von Gewalt, Krieg eingeschlossen, vollkommen ungeeignete Mittel, um Streitigkeiten beizulegen. Gewalt und Krieg waren schon immer Bestandteil der menschlichen Geschichte, und in früheren Zeiten gab es auch noch Sieger und Verlierer. Doch wenn es heute erneut zu einem weltweiten Konflikt käme, so gäbe es keinen Sieger. Deshalb brauchen wir den Mut und die Weitsicht, uns langfristig für eine Welt ohne Atomwaffen und ohne nationale Armeen einzusetzen. Gerade angesichts der schrecklichen Attentate in den USA muss die internationale Gemeinschaft ernsthaft versuchen, diese entsetzliche und schockierende Erfahrung dazu zu nutzen, ein Gefühl für globale Verantwortung zu entwickeln, wo Streitigkeiten auf dem Weg des Dialogs und der Gewaltlosigkeit geschlichtet werden.

Dalai Lama mit Bill ClintonDer Dialog ist das einzige vernünftige und sinnvolle Mittel, um Streitigkeiten und Interessenkollisionen beizulegen, sowohl zwischen Einzelpersonen als auch zwischen Völkern. Die Förderung einer Kultur des Dialogs und der Gewaltlosigkeit für die Zukunft der Menschheit ist eine der wichtigsten Aufgaben der internationalen Gemeinschaft. Es genügt nicht, wenn Regierungen Gewaltlosigkeit im Prinzip zwar billigen, aber dann keine konkreten Maßnahmen ergreifen, um sie zu unterstützen und zu fördern. Wenn Gewaltlosigkeit sich durchsetzen soll, müssen gewaltlose Bewegungen wirksam und durchsetzungskräftig gemacht werden. Manche halten das 20. Jahrhundert für ein Jahrhundert der Kriege und des Blutvergießens. Ich bin davon überzeugt, dass wir vor der Herausforderung stehen, das 21. Jahrhundert zu einem Jahrhundert des Dialogs und der Gewaltlosigkeit zu machen.

Darüber hinaus fehlt es uns, wenn wir uns mit Konflikten befassen, sehr oft an rechter Urteilsfähigkeit und an Mut. Wir schenken potentiell konfliktreichen Entwicklungen nicht die notwendige Aufmerksamkeit, solange sie sich noch in einem frühen Entstehungsstadium befinden. Denn sobald sich einmal alle Umstände soweit entwickelt haben, dass die Emotionen der daran beteiligten Menschen und Gemeinschaften stark aufgeladen sind, ist es sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich, eine Explosion dieser gefährlichen Situation zu verhindern. Diese tragische Situation erleben wir immer und immer wieder. Also müssen wir lernen, erste Anzeichen potenzieller Konflikte zu erkennen, und wir müssen den Mut aufbringen, das sich abzeichnende Problem anzusprechen, bevor es seinen Siedepunkt erreicht.

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die meisten Konflikte zwischen den Menschen durch einen ehrlichen Dialog, der in einem Geist von Offenheit und Versöhnung geführt wird, beigelegt werden können. Ich habe deswegen ständig auf dem Weg der Gewaltlosigkeit und des Dialogs nach einer Lösung für die Tibetfrage gesucht. Gleich zu Beginn der Invasion in Tibet habe ich versucht, mit der chinesischen Führung zusammenzuarbeiten, um zu einem beiderseits annehmbaren friedlichen Miteinander zu gelangen. Selbst als uns das so genannte 17-Punkte-Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets aufgezwungen wurde, habe ich versucht, mit der chinesischen Führung zusammenzuarbeiten. Immerhin hatte die chinesische Regierung in diesem Abkommen die Besonderheit und die Autonomie Tibets anerkannt und versprochen, ihr System nicht gegen unseren Willen Tibet aufzuzwingen. Trotzdem hat die chinesische Führung unter Bruch dieses Abkommens den Tibetern ihre starre und fremde Ideologie aufgezwungen und nicht den geringsten Respekt für die einzigartige Kultur, Religion und Lebensart des tibetischen Volkes gezeigt. Aus Verzweiflung erhob sich das tibetische Volk gegen die Chinesen. Schließlich musste ich 1959 aus Tibet fliehen, um weiterhin dem tibetischen Volk dienen zu können.

Während der mehr als vier Jahrzehnte, die seit meiner Flucht vergangenen sind, stand Tibet unter der vollständigen Kontrolle der Volksrepublik China. Die riesige Zerstörung und das menschliche Leid, die dem tibetischen Volk zugefügt wurden, sind heutzutage wohlbekannt, weshalb ich auf diese traurigen und schmerzvollen Vorkommnisse nicht weiter eingehen möchte. Die Petition der 70.000 Zeichen des verstorbenen Panchen Lama an die Regierung Chinas ist ein aufschlussreiches historisches Dokument, das Chinas drakonische Politik und seine Taten in Tibet deutlich macht. Tibet ist heute noch immer ein besetztes Land ­ mit Gewalt unterdrückt und von Leid gezeichnet. Trotz mancher Entwicklung und wirtschaftlichem Fortschritt hat Tibet noch immer gewaltige Überlebenskämpfe durchzustehen. Schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen sind in Tibet weitverbreitet; sie sind oft das Ergebnis einer Politik rassistischer und kultureller Diskriminierung. Und doch sind dies nur Symptome und Konsequenzen eines tieferliegenden Problems. Die chinesische Führung sieht in Tibets andersartiger Kultur und Religion eine mögliche Ursache für eine drohende Abspaltung. Als Ergebnis einer bewusst verfolgten Politik steht also ein ganzes Volk mit seiner einzigartigen Kultur und Identität unter Gefahr, ausgelöscht zu werden.

Dalai Lama mit Joschka FischerIch habe den Freiheitskampf Tibets auf den Weg der Gewaltlosigkeit gelenkt und habe beständig nach einer für beide Seiten akzeptablen Lösung für die Tibetfrage durch Verhandlungen mit China in einem Geist der Versöhnung und der Kompromissbereitschaft gesucht. In eben diesem Geist habe ich 1988 hier in Straßburg, vor diesem Parlament, einen formellen Verhandlungsentwurf vorgestellt, der, so hatten wir gehofft, als Grundlage für eine Lösung der Tibetfrage hätte dienen können. Ich hatte als Ort, um meine Überlegungen vorzustellen, ganz bewusst das Europäische Parlament gewählt, weil ich damit den Umstand betonen wollte, dass sich nur dann eine wirkliche Gemeinschaft auf freiwilliger Basis bildet, wenn alle Beteiligten genügend Nutzen davon haben. Die Europäische Union ist ein klares und anregendes Beispiel dafür. Auf der anderen Seite kann selbst ein Land oder eine Gemeinschaft in zwei oder mehr Teile zerfallen, wenn es ihr im Inneren an Vertrauen und an gemeinsamem Nutzen fehlt und wenn Gewalt als hauptsächliches Herrschaftsmittel eingesetzt wird.

Mein Vorschlag, der dann später als "Mittlerer Weg" oder als "Straßburger Vorschlag" bekannt wurde, sieht für Tibet echte Autonomie im Rahmen der Volksrepublik China vor. Allerdings keine bloße Autonomie auf dem Papier, wie sie uns vor 50 Jahren im 17-Punkte-Abkommen aufgezwungen wurde, sondern wir wollen ein tatsächlich selbstbestimmtes, wirklich autonomes Tibet, in dem die Tibeter für ihre inneren Angelegenheiten zuständig sind, einschließlich der Ausbildung ihrer Kinder, der religiösen und kulturellen Angelegenheiten, der Sorge für ihre empfindliche und wertvolle Umwelt sowie der Wirtschaft vor Ort. Beijing wäre weiterhin für Auswärtiges und Verteidigung zuständig. Diese Lösung würde Chinas internationales Ansehen bedeutend stärken und zu mehr Stabilität und Einheit ­ den beiden Top-Prioritäten Beijings ­ führen, während gleichzeitig die Tibeter in den Genuss ihrer grundlegenden Rechte und Freiheiten kämen, die es ihnen ermöglichten, ihre Kultur zu erhalten und die empfindliche Umwelt der tibetischen Hochebene zu schützen.

Seither hat unsere Beziehung zu China viele Wendungen und Rückschläge erfahren. Sehr zu meinem Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass der fehlende politische Wille seitens der chinesischen Führung, sich der Tibetfrage ernsthaft anzunehmen, jeglichen Fortschritt verhindert hat. Meine Bemühungen und Ansätze über all die Jahre, die chinesische Führung zu einem Dialog zu bewegen, fanden keinen Widerhall. Im vergangenen September habe ich über die chinesische Botschaft in Neu Delhi unseren Wunsch kundgetan, eine Delegation nach Beijing zu schicken, um dort ein detailliertes Memorandum zu überreichen, in dem meine Überlegungen zur Tibetfrage darlegt werden, und um dort die Punkte zu erläutern und zu besprechen, die in eben diesem Memorandum aufgeführt werden. Ich wollte damit deutlich machen, dass es uns durch persönliche, direkte Begegnungen leichter gelingen könnte, Missverständnisse zu klären und Misstrauen zu überwinden. Ich gab der festen Überzeugung Ausdruck, dass, wenn dies einmal erreicht wäre, wir ohne größere Schwierigkeiten eine für beide Seiten annehmbare Lösung finden könnten.

Aber die chinesische Regierung weigert sich bis heute, meine Delegation zu empfangen. Es ist offensichtlich, dass sich die Position Chinas im Vergleich zu den 80er Jahren, als sechs tibetische Delegationen aus dem Exil empfangen wurden, wesentlich verhärtet hat. Welche Erklärungen Beijing auch immer zu den Kontakten zwischen der chinesischen Regierung und mir abgeben mag ­ ich muss hier ganz klar sagen, dass die chinesische Regierung sich weigert, mit den Vertretern zu sprechen, die ich für diese Aufgabe bestimmt habe.

GipfeltreffenDass die chinesische Führung auf meinen Vorschlag des "Mittleren Wegs" nicht positiv reagierte hat, bestärkt das tibetische Volk in dem Verdacht, dass die chinesische Regierung nicht das geringste Interesse an einer friedlichen Koexistenz mit uns hat. Viele Tibeter glauben, dass China eine vollständige gewaltsame Assimilierung und Absorbierung Tibets beabsichtigt. Sie fordern die Unabhängigkeit Tibets und kritisieren meinen "Mittleren Weg". Andere befürworten ein Referendum in Tibet. Sie führen an, dass, wenn die Bedingungen in Tibet tatsächlich so sind, wie die chinesische Führung es darstellt, und wenn die Tibeter wirklich glücklich sind, es dann keine Schwierigkeit sein dürfte, dort ein Plebiszit abzuhalten. Ich war auch immer dafür, dass letztlich die Tibeter selbst über die Zukunft Tibets entscheiden sollten, so wie es auch Pandit Jawaharlal Nehru, der erste Premierminister Indiens, am 7. Dezember 1950 vor dem Indischen Parlament erklärt hat: "Die letzte Instanz zu Tibet sollte die Stimme des tibetischen Volkes sein und niemand sonst."

Ich lehne nach wie vor jede Form der Gewalt in unserem Freiheitskampf ab, aber wir haben jedes Recht, alle anderen uns zur Verfügung stehenden politischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Ich glaube fest an Freiheit und Demokratie und habe daher auch die Tibeter im Exil stets darin bestärkt, demokratische Wege einzuschlagen. Heute gehören die tibetischen Flüchtlinge zu den sicherlich wenigen Gemeinschaften im Exil, die alle drei Pfeiler der Demokratie errichtet haben: Legislative, Judikative und Exekutive. Dieses Jahr haben wir einen weiteren großen Schritt im Demokratisierungsprozess gemacht: Wir haben den Vorsitzenden des Tibetischen Kabinetts durch das Volk wählen lassen. Der gewählte Vorsitzende des Kabinetts und das gewählte Parlament werden sich als rechtmäßige Vertreter des Volkes in gemeinsamer Verantwortung der tibetischen Angelegenheiten annehmen. Ich sehe es jedoch als meine moralische Pflicht gegenüber den sechs Millionen Tibetern an, die Tibetfrage mit der chinesischen Führung weiterhin anzusprechen und so lange als freier Sprecher des tibetischen Volkes zu handeln, bis wir eine Lösung gefunden haben.

Angesichts des Ausbleibens jeglicher positiver Reaktion vonseiten der chinesischen Regierung auf meine Vorschläge über all die Jahre, bleibt mir keine andere Alternative als an die Mitglieder der internationalen Gemeinschaft zu appellieren. Wir wissen jetzt, dass nur zunehmende, gemeinsame und anhaltende internationale Bemühungen Beijing dazu bewegen werden, seine Tibetpolitik zu ändern. Obwohl die unmittelbaren Reaktionen von chinesischer Seite zunächst höchstwahrscheinlich negativ ausfallen werden, glaube ich dennoch fest, dass der Ausdruck von internationaler Besorgnis und Unterstützung unabdingbar ist, um ein Klima zu schaffen, das der friedlichen Lösung des Tibetproblems förderlich ist. Ich, meinerseits, bleibe nach wie vor dem Dialog verpflichtet. Es ist meine feste Überzeugung, dass der Dialog und die Bereitschaft, mit Ehrlichkeit und Klarheit auf die wirkliche Lage Tibets zu blicken, uns zu einer für beide Seiten befriedigenden Lösung führen können, die zur Stabilität und Einheit der Volksrepublik China beitragen sowie dem tibetischen Volk das Recht sichern wird, in Freiheit, Frieden und Würde zu leben.

Brüder und Schwestern im Europäischen Parlament, ich betrachte mich als den in Freiheit lebenden Sprecher meiner in Gefangenschaft gehaltenen Landsleute. Es ist meine Pflicht, für sie zu sprechen. Ich spreche nicht mit einem Gefühl von Zorn oder Hass gegenüber denjenigen, die für das unglaubliche Leid unseres Volkes, für die Zerstörung unseres Landes, unserer Häuser, Tempel, Klöster und unserer Kultur verantwortlich sind. Auch sie sind menschliche Wesen, die danach streben, glücklich zu sein, und sie verdienen unser Mitgefühl. Ich wende mich an Sie, um Sie über die traurige Lage in meinem Land und über die Bestrebungen meines Volkes zu informieren, denn in unserem Freiheitskampf ist die Wahrheit die einzige Waffe, die wir besitzen. Unser Volk, unser einzigartiges, reiches kulturelles Erbe und unsere nationale Identität sind heute in Gefahr, ausgelöscht zu werden. Wir brauchen Ihre Unterstützung, um als Volk und als Kultur überleben zu können.

Dalai Lama im BundestagWenn man auf die Situation in Tibet schaut, so scheint sie fast hoffnungslos, angesichts der wachsenden Unterdrückung, der anhaltenden Umweltzerstörung und der fortgesetzten systematischen Aushöhlung der Kultur und Identität von Tibet. Und trotzdem glaube ich, dass, ganz gleich wie groß und mächtig China auch immer sein mag, es doch zu dieser Welt gehört. Der globale Trend heutzutage geht in Richtung auf mehr Offenheit, Freiheit, Demokratie und Achtung der Menschenrechte. Früher oder später wird auch China diesem weltweiten Trend folgen müssen; auf lange Sicht gesehen, kann China sich Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit nicht entziehen. Die konsequenten und von Grundsätzen geleiteten Beziehungen des Europäischen Parlaments mit China werden den Wandlungsprozess, der in China bereits begonnen hat, beschleunigen. Da die Tibetfrage sehr eng mit dem zusammenhängt, was in Chinas geschieht, denke ich, dass berechtigter Grund zur Hoffnung besteht.

Ich möchte dem Europäischen Parlament für seinen steten Ausdruck der Besorgnis und seine Unterstützung für den gewaltlosen tibetischen Freiheitskampf danken. Ihre Sympathie und Unterstützung waren dem tibetischen Volk, innerhalb wie außerhalb Tibets, stets eine tiefe Quelle der Kraft und Zuversicht. Die zahlreichen Resolutionen des Europäischen Parlaments zur Tibetfrage haben außerordentlich dazu beigetragen, auf die Not des tibetischen Volkes aufmerksam zu machen und das Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Regierungen in Europa und in der Welt für die Tibetfrage zu wecken. Ich wurde besonders durch jene Resolution des Europäischen Parlaments ermutigt, in der die Berufung eines speziellen EU-Beauftragten für Tibet gefordert wurde.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Umsetzung dieser Resolution es der Europäischen Union ermöglichen wird, nicht nur durch noch konsequentere, wirksamere und kreativere Hilfe den Weg zu bereiten für eine friedliche Lösung der Tibetfrage durch Verhandlungen, sondern dass sie auch andere berechtigte Bedürfnisse des tibetischen Volkes unterstützen wird, darunter die Notwendigkeit, Mittel und Wege zu finden, unsere eigenständige Identität zu bewahren. Diese Initiative wird auch ein deutliches Signal für Beijing sein, dass die Europäische Union ernsthaft die Lösung der Tibetproblems vorantreibt und unterstützt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Ihr anhaltender Ausdruck von Besorgnis und Unterstützung für Tibet langfristig eine positive Wirkung zeitigen und mithelfen wird, ein günstiges politisches Klima für einen konstruktiven Dialog über die Tibetfrage zu schaffen. Ich bitte Sie in dieser in der Geschichte unseres Land so kritischen Zeit auch weiterhin um Ihre Unterstützung für Tibet. Ich danke Ihnen, dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, Ihnen meine Überlegungen mitzuteilen.

Vielen Dank.


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